Wieso Schule in den Sommerferien großartig ist und wieso die Schule, die gar keine Schule war, zu den schönsten Erlebnissen der Schulzeit gehören kann

Ja, ich gehörte dieses Jahr zu den privilegierten Schülern, die ihre Ferien mit Geschichte und Sprachen, Physik und Mathematik sowie Musik und Kunst verbringen durften. Denn ich war Teil der Deutschen Schülerakademie (DSA) und war auf der JGW-Schülerakademie in Papenburg, im Emsland.  

Was? Es soll großartig sein, sich auch noch in den Ferien zusätzliches Wissen und neuen Stoff anzueignen? Die Antwort darauf ist ja und ich versuche dies mit meinem Erfahrungsbericht über die Deutsche Schülerakademie zu zeigen.

Auch ich war anfangs sehr skeptisch als Herr Ullmann mich ansprach und meinte, dass die DSA doch etwas für mich sei. Ich konnte mir absolut nichts darunter vorstellen, als er mir von der Einrichtung erzählte, die begabte und engagierte Schüler fördert und in den Sommerferien Akademien zu verschiedenen gesellschafts- und naturwissenschaftlichen Themen veranstaltet. Das hörte sich für mich sofort nach einem Nerd- und Strebercamp an. Besonders skeptisch war ich, als er mir erzählte, dass das Ganze mitten in den Sommerferien stattfindet. „Die Sommerferien opfern? -Niemals!“, dachte ich mir, doch zu Hause angekommen packte mich die Neugier. Ich googelte also nach der DSA und auf der Internetseite hörte sich alles direkt viel interessanter an. Von einer „Enrichment Maßnahme“ und einer Chance, den eigenen Horizont zu erweitern, wurde dort gesprochen. Sie wurde dargestellt wie eine Art Jugendfreizeit mit Kursangeboten, aber auch viel Freizeit und Abwechslung.  

Das Podest, auf dem ich stand, begann dann zunehmend zu bröckeln und ich entschied mich, ohne große Erwartungen und Ziele mich für die Deutsche Schülerakademie zu bewerben.  

Das ganze Bewerbungsprozedere wurde mir dann von Herr Ullmann noch einmal erklärt:  

Um bei der Deutschen Schüler Akademie teilnehmen zu können, kann man von der eigenen Schule als Kandidat vorgeschlagen werden. Jede Schule ist dabei berechtigt, zwei Schüler aus den Stufen 11 oder 12 auszuwählen und Ende Februar vorzuschlagen. Anschließend können sich die vorgeschlagenen Schüler aus einer Auswahl von über 100 Kursen und 11 Akademien, fünf Kurswünsche zusammenstellen und bis Mitte März abgeben.  

Dann beginnt das eigentliche Auswahlverfahren, und die Schüler werden den Kursen zugeteilt. Jährlich bewerben sich über 3000 Schüler auf ca. 1000 Plätze. Hier nicht angenommen zu werden ist also wahrlich keine Schande.  

Als ich dann aber Mitte April meinen Bescheid bekommen habe, dass ich im Sommer 2018 Teil der JGW Schülerakademie in Papenburg (Niedersachsen) sein werde, war meine Freude riesig. Allerdings konnte ich mir an diesem Zeitpunkt immer noch nicht vorstellen, was mich schlussendlich erwarten wird. Die JGW-Schülerakademien sind im Prinzip dasselbe wie die der DSA, allerdings sind diese von ehemaligen Teilnehmern der Deutschen Schülerakademien ins Leben gerufen worden, um das Angebot zu erweitern und werden vom ehrenamtlichen Verein Jugendbildung in Gesellschaft und Wissenschaft e.V. geführt. Ein weiterer Unterschied ist, dass die JGW-Schülerakademien 12 Tage gehen, im Gegensatz zu den Schülerakademien ihrer großen Schwester, der DSA, die 16 Tage dauern.  

Die Information, dass ich im Kurs „The Land of the Salmon“ – Indianer an der Nordwestküste in Vergangenheit und Gegenwart“ bin, bekam ich schon mit der Teilnahmebestätigung. Auch über diesen wusste ich recht wenig, auf Fragen von Eltern und Mitschülern, was ich dort in Papenburg eigentlich machen werde, antwortete ich meist, dass das Kursthema irgendetwas mit Indianer zu tun haben werde.  

Den ersten Eindruck in welche Richtung es aber gehen könnte, erfuhr ich als sich die beiden Kursleiterinnen erstmals uns vorstellten.  Beide sind angesehene Wissenschaftlerinnen und absolute Experten auf ihrem Gebiet, die auch schon einige Aufenthalte in Reservaten und Indianergebieten hatten und derzeit in diesen Gebieten forschen.  So konnte es, so war mein Eindruck, wahrscheinlich sehr interessant werden und mir vielleicht neue Perspektiven geben, da Geschichtsunterricht sich ja meist auf Europäische Geschichte konzentriert.  

Allgemein sind alle Kursleiter, wie ich dann in der Schülerakademie erfuhr, alles Experten in ihrem Gebiet, die schon sehr erfolgreich sind und die man sonst eher nicht trifft. Trotzdem sind alle nahbar, super sympathisch und man konnte sich mit allen über die wildesten Dinge unterhalten. Besonders beeindruckend ist es, meist promovierten, Physikern, Philosophen, erfolgreichen Gründern, Ingenieuren und Informatikern, die alle höchstens zehn Jahre älter sind, während den Mahlzeiten und an den Abenden zusammenzusitzen und sich über Gott und die Welt zu unterhalten.  

Anfang Juni, zwei Monate vor der Akademie und mitten im alljährlichen Schulstress gegen Ende des Schuljahres, traf mich allerdings ein Schock: Uns war schon bei der Bewerbung und von den Kursleitern klargemacht worden, dass wir uns auf die Akademie vorbereiten müssen, doch als ich erfuhr was wir tun sollten, sank erst einmal die Vorfreude auf die Zeit, die im Sommer auf mich zukommen sollte: Zur Vorbereitung auf die Akademie sollte mein Kurs sich durch über 250 Seiten schwieriger wissenschaftlicher und englischer Texte lesen.  Zusätzlich hatte jeder Teilnehmer ein 20-minütiges Referat mit Handout auf universitärem Niveau vorzubereiten, bei dem viel Wert auf wissenschaftliche Methoden und Ordnungsgemäßes Zitieren gelegt wurde.  So wurde man zu einem „Experten“ in einem bestimmten Gebiet und hatte während der Akademie die Aufgabe, mit dem Referat den anderen Teilnehmern dieses Thema nahezubringen.  Diese Aufgaben erschlugen mich anfangs, doch weil ich mir bewusst war, dass dieses Schicksal auch 14 andere Schüler mit mir in diesem Moment teilen, begab ich mich zähneknirschend an die Arbeit. Mein Referatsthema waren die Indian Residential Schools in Kanada, die der gewaltsamen staatlichen Umerziehung von indigenen Kindern dienten. Ein ziemlich spezielles Thema also, von dem ich bisher nichts erfahren hatte.  

Die Zeit bis zur Akademie verging, ob dem Schulstress und der vielen Aktivitäten und Aufgaben, die ich dann noch hatte, wie im Flug. Ich hatte viel zu tun, war oft damit beschäftigt erste Versionen der Präsentation abzugeben oder mich in irgendwelche Texte über Indianerpolitik im 19. Jhd. oder religiöse indigene Rituale einzulesen. Ständig wuchs nach immer mehr Arbeit die Neugier auf die Akademie und das Hoffen, dass sich die viele Vorarbeit auch gelohnt hat.  Man konnte sich auch mit den fast 100 anderen Teilnehmern vorab schon in einem Forum über Hobbies, Interessen und Wohnort austauschen. Dadurch stieg die Neugierde die anderen endlich kennen lernen, fast ins unermessliche und trotzdem machte ich mich Gedanken darüber, ob ich wirklich dorthin passen werde. Oder ob nicht alle anderen viel besser sind als man selbst.  Auch weil viele Hobbies und Informationen über die Akademieteilnehmer Vorurteile von einem „Nerdcamp“ nur bekräftigten. Doch nie beschäftigte ich mich damit einen Rückzieher zu machen, nicht nach der ganzen Vorarbeit.  

Als ich mich schließlich am 05. August in den Zug nach Papenburg an der Ems setzte, war mir schon ein wenig mulmig zu Mute. Später erfuhr ich dann, dass es allen anderen auch so ging.  

Bepackt mit einem schweren Koffer und meiner Posaune traf ich allerdings schon in Mannheim auf die ersten Akademieteilnehmer- und sofort war das Eis gebrochen: Nach wenigen Minuten war man schon mitten in Unterhaltungen, überrascht, dass die Gesprächspartner doch so normal waren. Schon während der Zugfahrt wusste ich, dass sich der Aufwand gelohnt hat und dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss. In Köln war unsere Reisegruppe schon auf fast 20 Personen, aus der der ganzen Republik verteilt, angewachsen und wir hatten einen Riesenspaß. Hier bemerkte ich schon, was während den 12 Tagen bemerkenswert war: Die Offenheit jedes Einzelnen Akademieteilnehmers. Es war unmöglich nicht neue Leute kennen zu lernen, neue Kontakte zu knüpfen und neue Erfahrungen zu sammeln. Dadurch, dass jeder neue Leute kennen lernen wollte, herrschte eine unglaublich inspirierende Atmosphäre in Papenburg. So viele Freundschaften sind während dieser Zeit auch kursübergreifend entstanden. Man hat nun in ganz Deutschland Anlaufstationen und Freunde gefunden und es entstehen permanent Nachtreffen und Skype-Gespräche und der Kontakt bleibt durch Social Media bestehen.  

In Papenburg waren wir in der historisch-ökologischen Bildungsstätte, kurz Hoeb, untergebracht. Ein wunderschöner Seminarort, der passender für die Akademie hätte nicht sein können.  Die Hoeb liegt an einem See und an einigen Kanälen, inmitten vieler Bäume, die zu Bootsfahrten, Fahrradtouren und Ausflügen einladen und doch in Reichweite zu Papenburg. So wurde natürlich auch die Stadt erkundet.  

Mit meinem Zimmernachbarn habe ich mich sofort verstanden, er war im Mathematikkurs, der sich mit Codierungstheorie beschäftigt hat. Zudem gab es noch ein Kurs, der sich mit Finanzmathematik beschäftigt hat, ein Kurs, der sich mit maschinellem Lernen beschäftigt hat, ein Medizinkurs, dessen Thema das menschliche Immunsystem war, der Indianerkurs und ein weiterer Kurs zu Archäologie, der sich auf die Spuren der Vergangenheit begab. Während der Akademie hat man immer etwas nebenbei von den anderen Kursen mitbekommen und am Rotationstag, stellten wir uns gegenseitig unsere Kurse vor und präsentierten die Ergebnisse, die wir während der Akademie gesammelt haben.  

Die Tage in der Akademie bestehen immer aus einer gemeinsamen Eröffnung, dem Plenum, in dem man aktuelle Dinge bespricht und wichtige Informationen erhält. Wichtig viel Trinken! 😊 Danach gehen alle ab 9.00 Uhr bis zum Mittagessen in ihre Kurse. Anschließend finden bis zur Kaffeepause sogenannte Kursübergreifende Aktivitäten (KüAs) statt. Diese werden von den Akademieteilnehmern selbst organisiert und jeden Morgen im Plenum angekündigt. Dabei ist die Auswahl so groß, dass es gar nicht möglich ist, alle KüAs zu besuchen. Es gab sportliche KüAs wie Fußball, American Football, Crossfit, Handball, Blindenfußball und Quidditch, KüAs wie Schach, Schafskopf und Skat, Impro Theater und politischer Diskurs, sowie Musik KüAs, für die eigens ein Musikleiter anwesend war: Während der Akademie haben sich neben vielen kleinen Ensembles, ein Chor und ein Orchester gegründet. Denn sehr viele Teilnehmer der DAS sind musikalisch sehr begabt und so haben wir innerhalb kürzester Zeit viel auf die Beine gestellt und am Akademiekonzert, neben großartigen Solobeiträgen, unsere Stücke allen Teilnehmern und Kursleitern vorgetragen, wobei es aber mehr Musiker als Zuhörer gab. Es hat mir unglaublich viel Spaß bereitet, an so vielen KüAs wie möglich teilzunehmen.  

Mittags ging es dann mit den Kursen weiter, in denen so intensiv gearbeitet, diskutiert und nachgedacht worden ist, wie man es von der Schule nicht gewohnt war. Es war eine absolut prägende Erfahrung mit so vielen motivierten, offenen und talentierten Menschen zusammenzuarbeiten. Gegen Ende der Akademie haben alle Teilnehmenden an Dokumentationen geschrieben, um für alle festzuhalten, was in der Akademie geleistet wurde. Dabei wurde besonders auf wissenschaftliche Sprache und Zitierweise geachtet und so viel gute und konstruktive Kritik habe ich selten bekommen. Auch gab es oft nach mehrmaligem Überarbeiten der Dokumentationen, noch etliche Verbesserungsvorschläge und wir alle schrieben zusammen, manchmal bis tief in die Nacht, an unseren Dokumentationen weiter.  

Wobei wir nun bei unseren Abendbeschäftigungen wären, natürlich geht man abends nicht pünktlich ins Bett, wenn so viele junge Menschen aufeinandersitzen. Wir schlugen uns oft die Nächte um die Ohren und es war absolut keine Seltenheit, dass wir durch allerlei Abendbeschäftigungen wie Werwolf, Karaoke, Sport, Musik, Gesprächsrunden, nächtlichen Bootsfahrten, Kinoabenden, und Tanzabenden, weniger als fünf Stunden Schlaf bekamen, da die Nächte oft jäh, noch vor dem Frühstück, zu Joggingtouren oder Schwimmausflügen ins Papenburger Schwimmbad beendet wurden.  

Am letzten Abend fand ein Bunter Abend statt, an dem jeder zum Programm etwas beitragen konnte. Wir waren schließlich ein verschworener Haufen, dessen gemeinsame Zeit viel zu schnell vorbei ging.  

Meine Bilanz von der Schülerakademie ist folgende: Ich habe viel Neues gelernt und bin froh mich durch die englischen Essays durchgekämpft zu haben, doch viel wichtiger sind die Menschen, die ich in dieser Zeit kennengelernt habe. Ich kenne nun Menschen von Flensburg bis Sonthofen, habe Freundschaften geschlossen, die hoffentlich bestehen bleiben und hatte eine unglaubliche Zeit in Papenburg.  

Teilnehmen darf man nur einmal. Und dementsprechend schwer fiel uns allen auch der Abschied, denn er ist womöglich ein endgültiger von vielen dieser wunderbaren Menschen gewesen. Einem Sprichwort nach sieht man sich aber immer zweimal im Leben. Und das beweisen schon unsere vielen Nachtreffen. Denn diese Erinnerungen kann man nur mit den Leuten teilen, die dabei waren. Dem Rest der Welt allerdings ist nur schwer zu vermitteln, warum auf einmal alles Gewohnte nur noch zweitklassig ist oder wieso man denn ständig von dieser Zeit erzählt. Ich kann nur jeden dazu ermuntern sich für die DSA zu bewerben! 

Ganz zum Schluss möchte ich Herrn Schnurr und Herrn Ullmann, die mir die Teilnahme an der Schüler Akademie ermöglichten, ganz herzlich danken. Auch meine Eltern, die mein anschließendes Akademieloch aushalten mussten. Nicht auszudenken, was ich verpasst hätte.